Prof. Dr. med. Konrad Bork
1. Frage: Was genau ist ein
hereditäres Angioödem (HAE) und wodurch wird es
verursacht?
HAE ist eine seltene, aber schwere
Erkrankung, die autosomal dominant vererbt wird. Gekennzeichnet ist
die Krankheit durch episodische Ödeme beziehungsweise
Schwellungen der Haut, des Magen-Darm-Trakts und, seltener, der
Luftwege. Besonders gefährlich sind Schwellungen im
Kehlkopfbereich, im Extremfall können sie zum Erstickungstod
führen. Das HAE tritt entweder durch einen genetischen Mangel
an C1-Esterase-Inhibitor (C1-INH) auf, und zwar in zwei Formen. Bei
der er ersten und häufigsten Form (ca. 85% der Patienten)
handelt es sich um einen Synthesedefekt des C1-INH, der quantitativ
stark vermindert vorliegt. Die zweite Form (ca. 15% der Patienten)
beruht auf einer funktionellen Insuffizienz, einem
Aktivitätsmangel des C1-INH, der aber in normaler oder sogar
erhöhter Menge vorliegt. Oder das HAE tritt bei Patienten auf,
in deren Plasma sich eine normale Aktivität des C1-INH findet
(HAE III).
Die klinischen Symptome des HAE beginnen meist im zweiten, oft auch
bereits im ersten Lebensjahrzehnt. Bei einigen Frauen ist die
Einnahme östrogenhaltiger oraler Antikonzeptiva der
Auslöser für die ersten klinischen Symptome der
Krankheit.
2. Frage: Worin bestehen und wie lange
dauern die akuten Symptome?
Die Hauptsymptome des HAE bestehen in
unregelmäßig auftretenden, nicht vorhersagbaren
Hautschwellungen der Gliedmaßen und des Gesichts sowie in
krampfartigen, wiederkehrenden Schmerzattacken des Abdomens.
Larynxödeme sind selten, aber immer lebensbedrohlich. Die
Schwellungen der Haut sind fast nie mit Juckreiz, sondern mit
schmerzhaftem Spannungsgefühl verbunden. Sie bestehen
durchschnittlich zwei bis vier Tage (ein bis sieben Tage).
Die meisten Patienten weisen außer den Hautschwellungen auch
eine gastrointestinale Symptomatik auf, wobei krampfartige
Schmerzen bestehen, die oft mit Übelkeit, Erbrechen
Diarrhöen und Kreislaufschwäche verbunden sind. Auch die
Bauchattacken dauern zumeist zwei bis sieben Tage.
Larynxödeme treten spontan auf oder folgen manchmal einer
Traumatisierung der Mundschleimhaut bzw. des Pharynx, insbesondere
nach Zahnoperationen oder einer Tonsillektomie. Das Larynxödem
beginnt mit Schluckbeschwerden, Stimmveränderungen und
Heiserkeit, ehe es zur Atemnot kommt. Liegt ein C1-INH-Mangel vor,
so ist bei Beginn eines Larynxödems die sofortige Gabe eines
C1-Esterase-Inhibitor-Konzentrats (Berinert P) oder von Icatibant,
einem Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonisten (Firazyr), die Therapie
der Wahl. Abhängig davon, wie weit das Larynxödem
fortgeschritten ist, sind ggf. weitere Maßnahmen zum
Offenhalten der Atemwege erforderlich (Intubation oder notfalls
Koniotomie bzw. Tracheotomie).
3. Frage: Wodurch wird eine HAE-Attacke
ausgelöst?
Die Attacken treten oft ohne erkennbare
äußere Ursachen auf, vielfach aber auch nach bestimmten
Auslösern. Hierzu gehören Druck, Stoß und
Operationen. Außerdem werden von Patienten psychische
Stresssituationen und Infektionen als Trigger angegeben. Eine
HAE-Attacke kann auch hormonelle Ursachen haben: Nicht wenige
Frauen bemerken eine Auslösung akuter HAE-Schübe durch
die Menstruation. Die Benutzung östrogenhaltiger oraler
Anti-konzeptiva und eine Schwangerschaft führen bei vielen
aber nicht bei allen Frauen zu häufigeren und stärkeren
Ödemattacken.
4. Frage: Welche Parameter sollte die
Labordiagnostik bei klinischem Verdacht umfassen?
Bei klinischem Verdacht sollte die
Labordiagnostik die C1-INH-Konzentration, C1-INH-Aktivität, C4
und CH50 umfassen. Die Plasmakonzentration des C1-INH liegt bei
gesunden Personen zwischen 15 und 35 mg/dl. Der
Aktivitätsmangel und (beim Typ 1) der Konzentrationsmangel ist
immer nachweisbar, auch im Intervall zwischen den akuten
Symptomen.
5. Frage: Wie wird das hereditäre
Angioödem behandelt?
Die Betreuung von HAE-Patienten ist
langwierig und oft diffizil sowie auch (wegen der
Lebensgefährdung durch Larynxödeme) verantwortungsvoll.
Daher sollten diese Patienten nach Möglichkeit in einer
speziell ausgerichteten Angioödem-Sprechstunde mitbetreut
werden.
Zur Behandlung akuter Ödemattacken stehen ein intravenös
verabreichtes C1-INH-Konzentrat (Berinert P) und das subkutan
applizierbare Icatibant, ein Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist,
(Firazyr) zur Verfügung. Beides ist hoch wirksam, vor allem
bei Einsatz frühzeitig in der Ödemattacke. Erforderlich
ist die Anwendung in allen Stadien des Larynxödems sowie bei
Gesichtsschwellungen (wegen der möglichen Weiterentwicklung zu
einem Larynxödem). Sinnvoll ist er ferner bei schweren und
moderaten Bauchattacken sowie ggf. bei schweren und behindernden
Hautschwellungen.
Als Langzeit-Prophylaxe werden attenuierte Androgene wie Danazol,
Stanozolol und Oxandrolon eingesetzt. Diese Therapie ist zwar bei
den meisten Patienten sehr wirksam, ist jedoch belastet durch
mögliche unerwünschte Wirkungen, so dass ihr Einsatz
limitiert ist und bei jedem Patienten individuell abgewogen werden
muss. Eine regelmäßige Überwachung mit Kontrolle
verschiedener Laborwerte ist während der Therapie
erforderlich. Weitere Therapieoptionen sind vorhanden.
Weitere Informationen zum Thema im Internet
unter www.angiooedema.de
Sonderdruck aus Haut“, Heft 4, Juni 2005,
überarbeitet und aktualisiert am 2.4.2009